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Zuletzt aktualisiert: 16.01.2012 um 16:39 UhrKommentare

Als "Hexenkind" verfolgt und misshandelt

Die gebürtige Nigerianerin Joanna Adesuwa Reiterer legt mit "Hexenkind" einen erschütternden Report über moderne Hexenverfolgung in Afrika vor. Der schwarze Kontinent abseits von Safari, Nationalparks, Folklore und Exotik.

Kinder in Afrika werden nicht selten der Hexerei bezichtigt

Foto © Fotolia / Renate WKinder in Afrika werden nicht selten der Hexerei bezichtigt

Während der Zeit der Hexenverfolgungen wurden in Europa und den USA zwischen 40.000 und 100.000 Menschen wegen Hexerei angeklagt und hingerichtet. Dies geschah über einen Zeitraum von etwa 300 Jahren. In Afrika wurden allein seit den Sechzigerjahren des 20. Jahrhunderts mindestens ebensoviele Frauen und Kinder als angebliche Hexen umgebracht. Ein totgeschwiegenes gesellschaftliches Problem, mit dessen Ausläufern aber manchmal auch Europa konfrontiert wird. So geschehen um Weihnachten 2011, als der Tod eines 15-Jährigen in London, der von seiner Verwandtschaft der Hexerei bezichtigt und zu Tode gefoltert wurde, die westliche Welt schockierte.

Die Autorin, die jetzt in Wien lebt, wurde mit 16 von ihrem Vater als Hexe gebrandmarkt und verstoßen. Auf der Suche nach Erklärungen für ihre eigene Vergangenheit kehrte sie 13 Jahre später nach Afrika zurück. Bei ihrer Spurensuche in Nigeria und Ghana stellte Adesuwa Reiterer fest, welche ungeheuren Ausmaße das Phänomen der modernen afrikanischen Hexenverfolgung hat. 5.000 Frauen und Kinder leben vertrieben und als Hexen gebrandmarkt derzeit in Nigeria, 3.000 sind es in Ghana.

Hexendörfer und grausame Rituale

Während ihrer Reise besucht Joana Adesuwa Reiterer sogenannte "Hexendörfer", die letzten Zufluchtsstätten der Opfer. Sie, die als Kind selbst grausame Rituale zur "Dämonenaustreibung" über sich ergehen lassen musste, wird Zeugin von Ausgrenzung und öffentlicher Misshandlung. In ihrem Buch listet sie Schlagzeilen der vergangenen Jahre auf. "Mamakazi Mkhwanazi und ihre Enkelin verbrennen bis zur Unkenntlichkeit, nachdem sie der Hexerei bezichtigt wurden", heißt es da etwa. Oder: "72-jährige Ghanerin wird wird von evangelischem Pastor mit Kerosin übergossen und in Brand gesetzt, nachdem man sie der Hexerei bezichtigt hatte."

Unwissen, Armut und Geldgier als Nährboden

Adesuwa Reiterer kennt die Motive, die zur Verurteilung von Frauen und Kindern als Hexen führen, nur zu gut. "Als ich klein war führte mein Vater eine erfolgreiche Tankstelle, von deren Einnahmen unsere Familie gut leben konnte. Wir waren eine normale Familie der nigerianischen Mittelschicht", schreibt sie. Die Idylle zerbrach, als das Unternehmen ihres Vaters schlechter lief und er Schuldige suchte. In seiner Wut und Enttäuschung beschuldigte er Joanas Mutter, eine Hexe zu sein und bald auch sie selbst. Armut, eine schwere Kindheit, Unaufgeklärtheit Stolz und Mangel an Zuwendung und Geborgenheit sind oft Hintergrund für die Hexenverfolgung. Einen Nährboden bildet auch die Geldgier vieler Priester. Das Erkennen angeblicher Hexen und die Rituale, denen sie die Opfer unterziehen, sind für sie ein einträgliches Geschäft.

Das Buch "Hexenkind" beschreibt ungeschönt die Situation der rechtlosen Frauen und Kinder, die ähnlich der Hexenverfolgungen in Europa im Mittelalter, verstoßen, misshandelt und verfolgt werden. Dass sich einige wenige Organisationen und Freiwillige um die vermeintlichen "Hexen" kümmern, mag Anbetracht ihrer hohen Zahl nur als schwacher Trost gelten.


Zur Autorin

Joana Adesuwa Reiterer wurde 1981 in Nigeria geboren. 2003 kam sie nach Österreich, wo sie 2006 den Verein "Exit" gründete, der den Frauenhandel in Afrika bekämpft. Für ihr Engagement im Kampf gegen den Menschenhandel und die Hexenverfolgung in Afrika wurde sie unter anderem von der Women's Federation for World Peace mit dem Titel "Ambassador of Peace" geehrt.

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