Gut in Schuss beim Eisstocksport
Es wird einem meist schon in die Wiege gelegt, ob man fürs Eisstockschießen brennt oder er einen völlig kalt lässt. Gemeinsam mit einem Weltmeister wollen wir zeigen, was der Eisstocksport wirklich zu bieten hat - immerhin ist es nicht umsonst Österreichs viertgrößter Vereinssport.

Foto © WoGi - Fotolia.comDen Eisstock kann man fast überall übers Eis jagen: 1800 Vereine gibt es in Österreich
Eisstocksportler wird man in den meisten Fällen in natürlicher Erbfolge von den Eltern. Wer dagegen nicht familiär vorbelastet ist, kennt oft nicht mehr als das liebliche Bild, wenn ein Dutzend Menschen in einer verschneiten Winterlandschaft Eisstöcke über einen zugefrorenen See jagt. Eine Idylle, die schon viele Maler inspiriert hat – genauso wie Tourismusmanager zum optischen Aufputzen ihrer Prospekte. Aber, dass ein Außenstehender auf die Idee kommt: "Ja, diese Sportart möchte ich einmal ausprobieren" – das kommt eher selten vor. Was schade ist, denn hinter dem Eisschießen steckt viel mehr als ein lustiges Hobby ohne sportlichen Wert, bei dem man klischee-gemäß erst mit einem Glühwein als Zielwasser richtig gut trifft.
Plötzlich Weltrekordler
Kein Klischee ist die Tatsache, dass die Übergänge zwischen reinem Hobby- und Leistungssport im Eisstocksport oft fließend sind. Bernd Fischer vom EV Gries im Pinzgau fiel zum Beispiel in seiner Jugend nicht gerade als außergewöhnliches Talent auf, ehe er 1996 im Alter von 27 Jahren, in der Bundesliga beim Zielbewerb plötzlich einen Weltrekord aufstellte und daraufhin erstmals vom Nationaltrainer kontaktiert wurde. Seither hat der jetzt 42-Jährige Zielschütze einen Weltmeister- und acht Europameistertitel gewonnen.
Als Angestellter der Bundesforste ist er selbstverständlich nach wie vor reiner Amateur, aber immerhin einer der wenigen seiner Sportart, die von der Sporthilfe unterstützt werden. Dafür trainiert Fischer an drei Abenden in der Woche gut zwei Stunden auf dem Eis, holt sich die Kondition für die mehrere Stunden dauernden Bewerbe bei Schitouren und im Sommer beim Biken, nimmt am Wochenende an Wettbewerben teil – und muss sich, wie auch jeder andere Leistungssportler in Österreich, Dopingkontrollen unterziehen.
Gutes Händchen gefragt
"Konzentration, Balancegefühl, eine gute Technik, dazu ein gewisses Maß an Kondition und vor allem auch ein gutes Handerl", zählt Weltmeister Bernd Fischer die Anforderungen auf, um am Eisschießen Spaß zu haben – und auch erfolgreich zu sein. Das Um und Auf ist eine saubere Schwung- und Spieltechnik, die man (wie in vielen Sportarten) lieber nicht autodidaktisch erlernen sollte, um falsch verinnerlichte Bewegungsmuster zu vermeiden.
Die Theorie liest sich so: Nach dem Ausholen geht man von einer leichten Schrittstellung in einen intensiven Ausfallschritt über – Sekundenbruchteile, bevor der Eisstock möglichst sanft auf dem Eis aufgesetzt und Richtung Ziel geschoben wird. Wie schon angeschnitten: In der Praxis lässt man es sich von einem, der es gut kann, zeigen. Wie stark dabei angeschoben wird, hängt klarerweise von der Zielsetzung ab. In Bernd Fischers Spezialdisziplin, dem Zielbewerb, ist Präzision gefragt. Der "Zehner", also das höchstmögliche Trefferfeld, das aus durchschnittlich 24 Metern Entfernung angespielt wird, misst 20 Zentimeter im Durchmesser.
"Geht das Feingefühl einmal verloren, oder stimmt die Balance nicht ganz, wirkt sich das aber gleich einmal in ein bis zwei Meter zu kurzem oder zu langem Spiel aus", weiß der Welt- und Europameister aus eigener Erfahrung, der deshalb auch an Tagen, wo es ihn nicht so freut, trotzdem zum Eistraining geht. "Nach den ersten paar geschossenen Stöcken ist die Lust sowieso wieder da." Dazu kommt noch die Fähigkeit und die Erfahrung, den jeweiligen Eiszustand (der sich im Verlauf eines Spiels ändert), einzuschätzen und dementsprechend in jeder Situation die Platte mit dem passenden Reibwert auf den Eisstock zu schrauben.
Moarschaften und Kraftlackeln
Die am häufigsten durchgeführte Spielart des Eisstocksports ist allerdings nicht der Zielbewerb, sondern das Mannschaftsspiel, bei dem man nebenden schon genannten Fähigkeiten auch taktische Finesse und Teamgeist benötigt. Wobei die Taktik vom Mannschaftsführer – dem "Moar", wie er fachsprachlich heißt – für seine "Moarschaft" vorgegeben wird. Gerade für Einsteiger ist das Mannschaftsspiel ideal, und die meisten der österreichischen Vereine betreiben neben Meisterschaftsauch reine Spaßteams, die nur an Hobbyturnieren teilnehmen.
Der Weitenbewerb
Die dritte Variante des Eisstockschießens, die aber nur Fortgeschrittenen empfohlen werden kann, ist der Weitenbewerb. Den leichtathletischen Wurfdisziplinen nicht unähnlich, gilt es, die höchstmögliche Weite zu erzielen, ohne, dass der Eisstock die trichterförmige Bahn seitlich verlässt. Anders als im Ziel- und Mannschaftsbewerb wird hier mit dem Eisstock angelaufen, wobei der Sportler spätestens sieben Meter nach der Abspiellinie auf dem Eis stehen bleiben muss.
Wer noch Argumente zum Ausprobieren braucht, bekommt sie von BÖE-Funktionär Hans-Jürgen Lenert: "Punkt 1: Es ist eine Ganzjahressportart. Punkt 2: Nur wenige Sportarten kann man so lange aktiv auf hohem Niveau ausüben. Von 20 bis 60 Jahren reicht die Altersspanne, in der Spitzenleistungen erbracht werden. Und zwar von Männern genauso wie von Frauen." Aber trotz der traditionell hohen Zahl von 118.000 Aktiven ist nicht wegzuleugnen, dass die heimischen Vereine zunehmend über Nachwuchsmangel klagen. Weshalb Eisstock-Neulinge jeden Alters jederzeit willkommen sind. Und zwar auch solche ohne familiäre Eisstockgene ...
Features
Bund Österreichischer Eis- und Stocksportler
Der BÖE zählt 118.000 Mitglieder in 1.800 Vereinen. Nur Fußball, Schifahren und Tennis haben in Östereich noch mehr aktive Vereinssportler. Im IFI, dem internationalen Verband, sind 41 Mitgliedsnationen organisiert, darunter auch einige Exoten – die Kernländer der Sportart aber sind Österreich, Bayern und Südtirol, mit Abstand folgen weitere mitteleuropäische Nationen wie Slowenien, Tschechien oder Ungarn. Bestrebungen, olympisch zu werden, werden vor allem vom BÖE betrieben.
Zum Thema
Bestrebungen
"Unsere Sportart muss als Ganzes attraktiver und vor allem
auch für die Zuschauer durchschaubar werden", sagt Wolfgang
Binder, Präsident des BÖE. Deshalb
arbeitet man im BÖE an konkreten Veränderungen.
Zum Beispiel: Eisstocksport als Schulsport: Wird dieses Ziel
erreicht, wäre das ein großer Schritt, um auch für die Jugend
wieder attraktiver zu werden.
Und: mehr TV-Präsenz: Verhandlungen mit dem neuen
24-Stunden-ORF-Sport-Kanal sind schon weit fortgeschritten.
Geplant sind ausführliche Berichterstattungen im Rahmen
des Europacups und der Weltmeisterschaften im Februar
und im März.
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