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Zuletzt aktualisiert: 12.01.2012 um 11:38 UhrKommentare

Der Hang zur Freiheit

Der Winter ist da, der Gipfel ruft – es zieht uns hinauf in die verschneiten Berge. Leider treffen wir in den bekannten Schigebieten immer seltener auf unberührte Natur. Wer sich nach ein wenig weißer Wildnis sehnt, dem sei deshalb Freeriding als Alternative ans Herz gelegt. Dabei muss man aber einiges beachten ...

Auch bei den Freeridern gibt es so etwas wie "schwarze Pisten", auf die sich nur abolute Könner wagen dürfen

Foto © akiebler - Fotolia.comAuch bei den Freeridern gibt es so etwas wie "schwarze Pisten", auf die sich nur abolute Könner wagen dürfen

Es sind nur wenige Meter, die uns vom Gelände abseits der Pisten trennen. Ein Schwung in die andere Richtung – und schon befinden wir uns in einem ungesicherten Hang. Aber was erwartet mich dort? Und warum sollte ich die präparierten Pisten überhaupt verlassen? "Weil du dort draußen viel mehr erleben kannst", sagt Stefan Häusl. Der gebürtige Salzburger ist einer der besten Freerider der Welt, steht derzeit auf dem vierten Platz der Weltrangliste.

"Auf der Piste erlebst du die Kräfte, die auf deinen Körper einwirken. Du kannst sie durch verschiedene Radien steuern, der Rest ist ziemlich reglementiert – durch Pistenbegrenzungen, aber auch durch andere Schifahrer usw. Abseits der Piste aber kannst du jeden Tag etwas Neues entdecken. Es gibt zahlreiche ungewisse Parameter, weil die Abfahrten nicht präpariert sind. Hier ist das Schifahren noch spannend, es läuft fast nie wie geplant – und trotzdem funktioniert es doch immer wieder ..." Stefan ist praktisch nur zu Beginn der Saison auf den regulären Abfahrten zu finden, um sich dort die Kraft für einen langen Winter zu holen. Sobald genug Schnee gefallen ist, geht es runter von der Piste – und rein ins Vergnügen.

Leichter und einfacher

Früher war es auch für gute Schisportler schwierig, abseits der Pisten zu fahren. Die Schi waren schmal, hatten wenig Auftrieb und waren im tiefen Schnee nur mit richtig guter Technik oder großer Anstrengung zu steuern. Mit dem heutigen Material wird es immer einfacher. Klar braucht man noch immer eine gute Grundtechnik – die breiten und leichten Freeride-Latten aber helfen ganz entscheidend beim Drehen und kraftsparenden Fahren im unverspurten Gelände.

Es werden vermehrt auch Freeride-Kurse angeboten, in denen man in Technik und Sicherheit gut geschult wird (z. B. www.linecamps.at). Aber es muss sich jede(r) angehende Freerider(in) bewusst sein, worauf er/sie sich einlässt, wenn man die gesicherten Pisten verlässt. Das betont auch der Profi: "Dir muss vor allem klar sein, dass nur du selbst die Verantwortung für dich trägst und niemand sonst. Pisten sind vor Lawinen gesichert. Wenn du dich auf der Piste verletzt, kommt Hilfe. Im Gelände bist du allein – niemand passt auf dich auf."

Fotoserie: Gut gerüstet fürs Freeriden

Wie beim Schitourensport gilt ebenso beim Freeriden: Sicherheit hat absolute Priorität. Deshalb sind auch beim Freeriding zahlreiche Faktoren zu beachten: Das beginnt schon mit der Jahreszeit, zu der man sich ins Gelände begibt. "Freeride-Neulinge sollten ihre ersten Ausflüge auf keinen Fall auf einem Gletscher im Herbst in Angriff nehmen", warnt Stefan, "in den Monaten Oktober bis Dezember besteht die Gefahr, in eine Spalte zu stürzen, weil die Brücken aus Schnee und Eis noch spröde sein können. Und ab April können diese Brücken ebenfalls schon wieder weich werden."

Es gilt: Augen auf!

Stefan Häusl empfiehlt Einsteigern, erst einmal ausgewiesene Schirouten, die es auf vielen Schibergen in immer größerer Zahl gibt, in Angriff zu nehmen. "Das ist perfekt zum Reinschnuppern und um Sicherheit am Schi zu bekommen. Schirouten sind mit roten Karos gekennzeichnet. Die Abfahrten sind nicht präpariert, aber zehn Meter links und rechts der roten Schilder vor alpinen Gefahren wie Lawinen gesichert."

Sind solche ersten Routen erfolgreich absolviert, kann man sich in nicht zu hoch gelegenen Schigebieten nach geeigneten Hängen umsehen. Am besten in einer Gruppe mit Freeridern, die schon über Erfahrung verfügen. Geeignet sind etwa schneebedeckte Almwiesen abseits der Piste.

Gleich noch eine Grundregel fürs Geländefahren: Jede geplante Strecke muss immer vorher gut besichtigt werden. "Augen auf", sagt Stefan Häusl, "es gibt viele Hinweise darauf, wie es unter dem Schnee aussehen könnte. Das verrät dir die Umgebung. Stehen Bäume auf dieser Höhe? Kann es also Baumstümpfe geben? Fahre ich über Wiesen oder Waldboden? Sind viele Felsen in der Nähe? Denn umso höher wird die Wahrscheinlichkeit, dass ich über Steine fahre, die schnell zu einem unangenehmen Sturz führen können."

Die Gebiete

Wer auf den Geschmack der unberührten Hänge gekommen ist, muss nicht gleich in die großen Alpenreviere nach Frankreich oder in die Schweiz reisen. Das Gute liegt auch durchaus ganz nah: "Fieberbrunn, Hochfügen, Gastein, Montafon, Obertauern, Saalbach, St. Jakob", weiß Stefan, "sind nur einige der Gebiete, in denen Freerider in Österreich auf ihre Kosten kommen. Auch in Kitzbühel gibt es reizvolle Alternativen abseits der Pisten. Und als bestes Gebiet für erlebnishungrige Schifahrer in Österreich gilt St. Anton."

Dass Freerider ihre Schwünge möglichst nie allein durch den Tiefschnee ziehen, gebietet schon das Sicherheitsdenken. In einer Gruppe müssen aber vorher schon bestimmte Zeichen verabredet werden, mit denen jeder den anderen signalsieren kann, ob er nach einem Sturz Hilfe braucht oder nicht. Bleibt eine Gefahr, die abseits der gesicherten Pisten immer wieder ihre Opfer fordert: Lawinen sind die wohl unangenehmste Überraschung, die man auch beim Freeriden erleben kann. Wer aber die entsprechenden Sicherheitsregeln beachtet, sollte dieser Gefahr allerdings bestmöglich aus dem Weg gehen können.

Das Risiko

Trotzdem nochmals zur Klarstellung: Wer ins freie Gelände fährt, muss sich auch des Restrisikos, das es immer gibt, bewusst sein. Bleiben wir gleich beim Extremfall: Was tue ich, wenn ich feststelle, dass eine Lawine abgeht – und ich betroffen bin? "Blitzschnell umsehen, vielleicht gibt es noch einen Notausgang aus der Fahrlinie", rät Stefan Häusl. "Und wenn die Lawine einen erwischt hat, wenn sie einen umhaut oder den Boden unter den Füßen wegzieht, dann muss man kämpfen. Strampeln, sich mit Händen und Füßen wehren, um durch die Bewegung so weit wie möglich an der Oberfläche zu bleiben. Wenn die Lawine zum Stehen kommt, sollte man versuchen, die Hände oder Arme vors Gesicht zu bekommen, um sich eine Atemhöhle zu schaffen."

Einmal abgesehen von dieser Ausnahmesituation: Wer sich langsam ans Freeriding herantastet und nicht fahrlässig handelt, der wird ein echt lässiges Fahrgefühl erleben – mit einer Extraportion Natur.


Der Experte

Stefan Häusl zählt zu den besten Freeridern der Welt. Bereits im Jahr 1999 wurde er Tiefschnee-Weltmeister. Aktuell ist der geprüfte Schi- und Bergführer Vierter in der Freeride-Weltrangliste der Schifahrer. Der gebürtige Salzburger lebt mit seiner Familie am Arlberg.

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